„Ich bin schwul!“ – Coming-out mit 52 Jahren

Rainer ist heute 56 Jahre alt und lebt mit einem Mann zusammen in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland. Der Weg bis zu seinem Coming-out war nicht einfach. Im Interview mit Männerratgeber.de erzählt er von seinen Erfahrungen.

Wann hast du gemerkt, dass du eigentlich auf Männer stehst?

Spät, sehr spät. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Was Schwulsein ist, wusste ich nicht. Davon hatte ich überhaupt kein Konzept. In der Schule hatte ich zwar ein paar Freunde, aber das waren eher oberflächliche Freundschaften. Also, ein typischer Außenseiter war ich nicht. Aber ich gehörte auch nicht richtig dazu. Ich merkte schon, dass ich anders war als andere Jungs.

Wie ist dir das aufgefallen?

Ich wollte nie Fußball spielen oder typische Jungs-Sachen machen. So mit 15, 16 ging das mit den Mädchen los. Ich hatte auch eine Freundin, aber nicht, weil ich verliebt in das Mädchen war, sondern weil ich dachte, das muss einfach so sein.

Sie hat vermutlich auch gemerkt, dass was nicht stimmt. Irgendwann hat sie Schluss gemacht. Dann hatte ich ganz schnell eine Neue. Ich wollte halt nicht auffallen.

Die Mädchen mochten mich, weil ich nichts von ihnen wollte, denke ich heute.

Hattest du Sex mit den Mädchen?

Nein, das kam erst an der Uni. Auf einer Party habe ich meine spätere Frau kennen gelernt. Sie hat einfach die Initiative ergriffen. Ich hatte ja überhaupt keine richtige Erfahrung. Außer Küssen, Händchenhalten und ein bisschen Fummeln hatte ich ja vorher nichts gemacht. Als Nicole dann auftauchte, wollte ich auch endlich mal wissen, wie das ist. Wir haben miteinander geschlafen und sind dann zusammengekommen. Das war schon aufregend. Damals dachte ich auch wirklich, dass ich sie liebe. Ich hatte doch keine Ahnung, wie sich das anfühlt, Liebe.

Wie ging es dann weiter?

Die erste Zeit lief es echt gut. Ich hatte endlich auch jemanden zum Reden, für Partys und für Sex. Auf einmal hatte ich das Gefühl, doch dazu gehöre. Ich kam mir immer vor wie ein Spätzünder. Irgendwie war ich immer spät dran. Andere Jungs hatten mit 15 ihr erstes Mal, ich mit Mitte 20. Andere waren schon mit dem Hausbau und der Familienplanung beschäftigt. Da hatte ich gerade meine erste Beziehung.

Tja, wie ging es weiter: Heirat, zwei Kinder, aber zum Glück kein Hausbau oder Hauskauf.

Warum hast du dich von Nicole getrennt?

Ich hatte so ein Gefühl von Leere. Also wenn wir miteinander geschlafen haben, war ich nicht richtig bei der Sache. Dann hat es auch oft nicht geklappt. Ich konnte einfach nicht. Das lag nicht an ihr, sie ist ja eine schöne Frau. Das denke ich wirklich. Aber ich war nicht erregt. Das weiß ich aber auch erst jetzt im Nachhinein. Sie hat sich immer viel Mühe gegeben. Ich war total passiv, weil bei mir irgendwie nichts passierte.

Dann sind wir umgezogen, weil ich ein Jobangebot angenommen habe, das ich nicht ausschlagen konnte. Außerdem wollte ich immer in eine richtige Stadt. Nicole fand das auch gut. Die Kinder waren ja aus dem Haus, und sie war damals auf Jobsuche.

Und dann habe ich auf der Arbeit Thorsten kennen gelernt. Das war… wie Aufwachen!

Wie meinst du das?

Mir war kotzübel, ich war so aufgeregt, dass ich kaum einen geraden Satz herausbekam. Erst dachte ich, ich war einfach aufgeregt wegen der neuen Arbeitsstelle. Aber ich hatte Herzrasen und Schmetterlinge im Bauch, weil dieser Mann einfach so unglaublich war. Ich war einfach wach und da, so wie ich das mit Nicole nie hatte. In dem Moment wusste ich auch, dass es vorbei war mit unserer Ehe. Wir sind zwar erst später auseinander gegangen. Aber ich wusste das in dem Moment, als ich vor Thorsten stand und mich vorstellte.

Was war so unglaublich an ihm?

Einfach alles. Seine Augen, wie er sich bewegt hat. Das ist ein eher unkonventionelles Unternehmen. Da tragen alle Jeans und Hemd. Er sah einfach verboten gut aus, und er hatte so etwas Intensives, einen ganz direkten Blick. Kennst du das, wenn ein Mensch in einen Raum kommt und alle drehen sich zu ihm um? So einer ist er. Und er war offen schwul. Alle wussten das. Man sah das auch sofort. Ich war so frei. Ich wollte nicht mehr nach Hause, machte also Überstunden und dann ist es irgendwann auch passiert.

Ihr hattet Sex?

Ja, bei ihm hatte es genauso gefunkt. Ich hab zwar keine Ahnung, warum, aber das war wie Schicksal, als ob es so sein soll. Wir passen auch vom Sternzeichen her gut zusammen. Er ist Widder, ich bin Wassermann. Der Sex war mehr so eine Entladung. Er hatte mich kaum angefasst, da war ich schon fertig. Verstehst du? Bei Nicole hat es immer ewig gedauert, und mit ihm war das eine Explosion. Aber eine Beziehung ist nicht nur Sex, natürlich. Da gehört noch viel mehr zu. Das war auch nicht immer einfach.

Wann hast du es deiner Frau erzählt?

Ich brauchte gar nicht viel sagen. Ich kam nach Hause und war total aufgewühlt und verstört. Das war einfach eine Erfahrung, mit der ich klarkommen musste. Sie merkte, das was los war. Erst dachte sie, ich hätte was mit einer anderen. Das brach irgendwie alles raus.

Wie hat sie reagiert?

Sie war geschockt, aber sie hatte auch irgendwas geahnt. Sie fand es immer komisch, dass ich kaum Sex wollte und mich auch nicht richtig bemüht habe. Also, sie hat sich von mir immer mehr Initiative gewünscht, aber ich war froh, wenn ihre Eltern zu Besuch kamen oder wenn was mit den Kindern war.

Wie ist euer Verhältnis heute?

Wir sind richtig gute Freunde. Ich kann mit ihr ganz offen über Beziehungsprobleme reden. Sie ist auch wieder mit jemandem zusammen. Er ist ein paar Jahre jünger als sie. Bisher habe ich ihn noch nicht kennengelernt.

[Ende Teil 1]

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.