Tabu Inkontinenz: Männer mit Blasenschwäche

Etwa 11 Prozent der Männer in Deutschland leiden unter Blasenschwäche. Allerdings halten sie ihre Harninkontinenz aus Scham oft geheim. Statt sich an ihren Hausarzt zu wenden, ziehen sie sich aus der Öffentlichkeit zurück.

In diesem Artikel erfährst du, welche Arten von Inkontinenz es gibt und wo du als Betroffener Hilfe bekommst. Denn gegen dieses verheimlichte Volksleiden lässt sich einiges tun. In vielen Fällen ist die Inkontinenz sogar heilbar.

Eine überaktive Blase bringt dich nicht um, aber sie nimmt dir das Leben!“ – J. Brown (2004)

Inkontinenz beeinträchtigt die Lebensqualität massiv. Es gibt unterschiedliche Arten und Mischformen.

Kommen dir diese Situationen bekannt vor?

  • Beim Husten oder Niesen geht bei dir ungewollt Harn ab.
  • Nach dem Gang zur Toilette landen ungewollt ein paar Tropfen Urin in der Unterhose.
  • Manchmal musst du so dringend, dass du das Urinal nicht mehr rechtzeitig erreichst.

Damit bist du nicht allein! Blasenschwäche ist kein seltenes Symptom. Viele Männer leiden darunter. Allerdings spricht kaum jemand öffentlich darüber.

Männer, die die Kontrolle über ihre Blase verlieren, ziehen sich häufig aus Scham aus dem aktiven Leben zurück. Möglicherweise geht es dir genauso und du vermeidest sportliche Aktivitäten, Kino- und Theaterbesuche, Dating-Abende oder Reisen.

Vielleicht verzichtest du wegen deiner Inkontinenz sogar auf Sex.

Dabei gibt es Hilfe. Die Therapiemöglichkeiten hängen von der Art der Inkontinenz ab.

Rückzug aus der Öffentlichkeit: Männer mit Inkontinenz; ©UlrikaArt– stock.adobe.com

 

Was ist Inkontinenz?

Kurz gesagt: Der ungewollte Urinabgang gilt als Harn-Inkontinenz.

Menschen kommen inkontinent zur Welt. Neugeborene Babys haben keine Kontrolle über ihre Blase. Sie entleeren sich unbewusst und unkontrolliert. Die Fähigkeit, diesen Prozess zu steuern, erlernen Mädchen und Jungen in den ersten Lebensjahren.

Mit dem Eintritt ins Schulalter meistern Kinder in der Regel die Kontrolle ihrer Blase am Tag und in der Nacht.

Wenn du – vielleicht nach einer Prostata-Operation – plötzlich ungewollt Harn verlierst, ist das erst einmal ein Schock.

Vielleicht denkst du auch, dass sich die Inkontinenz von selbst wieder gibt. Dass sie „weg geht“. Das allerdings passiert in der Regel nicht.

Welche Risikofaktoren für Inkontinenz gibt es bei Männern?

Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren, die das Entstehen von Inkontinenz begünstigen.

Dazu gehören:

  • Rauchen,
  • Übergewicht,
  • chronischer Husten,
  • Blasenentzündungen,
  • das Alter,
  • Diabetes und
  • bestimmte Medikamente.

Auch Schäden am Gehirn oder am Rückenmark können zu einer schwachen Blase führen.

Dazu kommt es beispielsweise aufgrund von Schlaganfällen, Gehirnverletzungen und Krankheiten wie Multiple Sklerose, Parkinson, Demenz, Querschnittslähmungen und Bandscheibenvorfällen.

Auch eine Prostata-Vergrößerung oder eine Prostata-Operation stellen Risikofaktoren dar.

Lässt sich Inkontinenz verhindern?

In einem gewissen Rahmen kannst du vorsorgen. Falls du noch nicht unter Inkontinenz leidest, gibt es einiges, was du für deine Blasengesundheit tun kannst:

  • Ernähre dich möglichst gesund. Dazu gehört eine abwechslungsreiche Kost mit viel Gemüse, Salat und Obst. Ein bis zweimal pro Woche ist fetter Fisch empfehlenswert. Fleisch, Wurst und Fertiggerichte sollten möglichst selten auf deinem Speiseplan stehen. Je naturbelassener du isst, desto besser.
  • Reduziere Übergewicht. Falls du ein paar Kilo zu viel auf die Waage bringst, baue Bewegung in deinen Alltag ein. Treibe regelmäßig Sport. Nutze jede sich bietende Chance für ein bisschen Extra-Aktivität. Nimm die Treppe statt den Fahrstuhl. Fahre öfter Rad oder erledige Stadtwege zu Fuß.
  • Gib das Rauchen auf. Der Zug am Glimmstängel ist tödlich. Ja, es gibt Kettenraucher, die kerngesund 100 Jahre alt werden. (Und vielleicht sind einige wenige sogar kontinent bis ins hohe Alter.) Der Mehrheit der Raucher gelingt das allerdings nicht.

Gegen das Alter – und auch gegen bestimmte Erkrankungen – bist du allerdings machtlos. Tu einfach das, was im Rahmen deiner Möglichkeiten liegt.

Die häufigsten Arten der Inkontinenz bei Männern

Es gibt verschiedene Arten von Inkontinenz. Manchmal mischen sich auch mehrere Formen.

1. Belastungsinkontinenz / Stressinkontinenz

Vielleicht verlierst du ein paar Tropfen Urin, wenn du etwas Schweres hebst oder aus dem Sitzen aufstehst. Auch bei einem herzhaften Lachen, beim Niesen oder beim Husten kann unbeabsichtigt Harn abgehen.

Bei Druck im Beckenbodenbereich kommt es zu einem ungewollten Urinabgang. Darum nennt sich diese Inkontinenzform „Belastungsinkontinenz“.

Der Schließmuskel schließt nicht mehr komplett.

2. Dranginkontinenz

Oder spürst du aus dem Nichts heraus einen intensiven, kaum zu beherrschenden Harndrang? Ist der Druck manchmal sogar so stark, dass du die Toilette – trotz aller Eile – nicht mehr erreichst? In diesem Fall leidest du unter einer Dranginkontinenz.

Hier ist das Problem nicht der Schließmuskel, sondern die Blase selbst. Diese ist überaktiv und gereizt. Darum versucht sie, sich zu entleeren. Egal, ob es gerade angebracht ist oder nicht.

3. Überlaufinkontinenz

Landen nach dem Toilettengang Urintropfen in deiner Unterhose? Das deutet darauf hin, dass du deine Blase nicht vollständig entleeren kannst. In dem Fall ist eine Überlaufinkontinenz bei dir wahrscheinlich.

Bei Männern kommt diese Art der Inkontinenz häufiger vor. Grund dafür ist die mit dem Älterwerden häufig einhergehende, gutartige Prostata-Vergrößerung. Diese führt zu einer Verengung der Harnröhre.

Das Risiko dafür steigt mit dem Lebensalter:

  • Junge Männer unter 40 haben nur selten mit diesem Problem zu kämpfen.
  • 20 % der Männer zwischen 50. und dem 59. Lebensjahr haben eine vergrößerte Prostata.
  • Bei Männern über 70 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Vorsteherdrüse vergrößert, bei bis zu 70 %.

Es ist wichtig, dass du deine Prostata regelmäßig untersuchen lässt.

Die Harnblase © bilderzwerg – stock.adobe.com

Ursachen für Inkontinenz bei Männern

Belastungsinkontinenz

Möglicherweise ist die Belastungsinkontinenz bei dir nach einer Prostata-Operation aufgetreten. Dazu gehört neben der Ausschabung der Prostata die radikale Entfernung der Vorsteherdrüse infolge von Krebs.

Dranginkontinenz

Hast du öfter mit Harnwegsinfekten zu kämpfen? Die Dranginkontinenz hängt damit häufig zusammen. Aber auch bedingt durch hormonelle Veränderungen oder das Älterwerden der Harnblase kann es zu einer Dranginkontinenz kommen.

Weitere Risiken sind Erkrankungen wie Diabetes, Blasensteine, Blasentumore, eine Vergrößerung der Prostata oder Schlaganfälle. Dazu kommt die altersbedingte Vergrößerung der Prostata. Drückt sie auf die Blase, führt das oftmals zu Inkontinenz.

Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsmittel

Die Behandlungsmöglichkeiten deiner Inkontinenz hängen von der Ursache deiner Blasenschwäche ab. Stecken beispielsweise Blasensteine oder ein Tumor hinter den Beschwerden?

Dann verschwindet die Inkontinenz nach der Entfernung der Steine oder des Tumors wahrscheinlich von selbst.

Belastungsinkontinenz

Leidest du unter einer leichten Form der Belastungsinkontinenz? Dann bekommst du das Problem vielleicht sogar durch ein gezieltes Beckenbodentraining in den Griff. Etwa ein Jahr lang solltest du deinen Beckenboden regelmäßig trainieren.

Verlierst du nach dieser Zeitspanne immer noch sehr viel Urin, kommen Medikamente oder operative Verfahren infrage.

Bei einer Operation wird eine Schlinge um die Harnröhre gelegt, die die Harnröhre anhebt. Auch der Einbau eines künstlichen Schließmuskels ist eine Möglichkeit. Dieser verschließt die Harnröhre. Per Knopfdruck kannst du ihn öffnen und urinieren. Danach verschließt sich die Harnröhre wieder.

Dranginkontinenz

Hier kommt eine medikamentöse Therapie infrage. Beispielsweise kannst du dir Botox in die Blase spritzen lassen, um diese zu entspannen.

Diagnose: Wie sehen die Untersuchungen aus?

Falls du dich mit deinem Problem bisher noch niemandem anvertraut hast, steht das vermutlich vor dir wie ein Berg.

Sprich am beste zuerst mit deinem Hausarzt. Dieser führt vermutlich die ersten Untersuchungen selbst durch und überweist dich bei Bedarf zu einem Urologen.

Die Untersuchungen sind zwar zahlreich, aber nötig, um dir wirklich helfen zu können.

Mann mit Blasenschwäche
Viele Männer fürchten den Gang zum Urologen; © New Africa – stock.adobe.com

Wichtige Untersuchungen

  • Arzt-Patienten-Gespräch: Dein Hausarzt befragt dich zu deinen Beschwerden sowie zu deinen Trink- und Lebensgewohnheiten. Er spricht mit dir darüber, wie sich der Harndrang äußert.
  • Blasentagebuch: Wahrscheinlich bittet er dich, ein Blasentagebuch zu führen. Darin erfasst du, wie oft du auf die Toilette gehst und wie viel Harn du dabei absetzt. Das Tagebuch hilft dabei, die Inkontinenzart einzugrenzen.
  • Einlagen-Wiegetest: Manchmal wird ein 24-Stunden-Einlage-Wiegetest durchgeführt. Dabei wird deine Inkontinenzeinlage gewogen. Auf diese Weise ist es möglich, die tatsächlich verlorene Harnmenge zu ermitteln. Idealerweise findet der 24-Stunden-Test einmal an einem ruhigen Tag statt, einmal an einem Tag mit erhöhter Aktivität.
  • Beckenreflexe und Funktion des Schließmuskels: Dein Arzt prüft, ob die Nervenbahnen intakt sind.
  • Urinuntersuchung: Liegt ein Infekt vor? Sind Blut, Zucker oder Eiweiß im Urin?
  • Ultraschall: Als nächstes steht eine Sonografie der Nieren, der ableitenden Harnwege und der Blase an.
  • Harnstrahlmessung und Restharnbestimmung
  • Funktionsuntersuchung der Blase: urodynamische Untersuchung
  • Blasendruckmessung: Diese Untersuchung ermöglicht es deinem Arzt, die Speicher- und Entleerungsfunktion deiner Blase zu beurteilen.
  • Blasenspieglung: Nach einer Prostata-Operation wird mit einem flexiblen Instrument unter lokaler Betäubung eine Blasenspiegelung vorgenommen. Dabei schaut sich dein Arzt den Zustand deiner Blase an und beurteilt deine Harnröhre und den Schließmuskel.

Was ist eine urodynamische Untersuchung?

Bei einer unklaren Situation ist eine urodynamische Messung sinnvoll. Dabei handelt es sich um eine Blasenfunktionsprüfung, die zeigt, ob…

  • bei dir eine Belastungsinkontinenz vorliegt.
  • es Hinweise auf eine Überaktivität deiner Blase gibt.
  • dein Blasenmuskel stark oder schwach ist.
  • ein anatomisches Hindernis im Weg ist.

Die Untersuchung ist etwas ungewohnt. Dabei legt der behandelnde Arzt einen dünnen Messkatheter von wenigen Millimetern Durchmesser in deine Blase. In den After bekommst du gleichzeitig einen Druckballon in der Größe eines Zäpfchens.

Anschließend wird deine Blase kontrolliert gefüllt. Du gibst Bescheid, wenn das erste Anzeichen von Harndrang auftritt. Wenn du dich fühlst, als ob du dringend Wasserlassen musst, darfst du urinieren.

Durch Katheter und Druckballon kann dein Arzt die Druckverhältnisse in der Blase messen. Darüber bekommt er Aufschluss darüber, wie stark dein Blasenmuskel und wie hoch der Widerstand ist.

Inkontinenzprodukte für Männer

Wenn du unter Inkontinenz leidest, kannst du dir das Leben mit den richtigen Inkontinenzprodukten leichter machen: Mit Inkontinenzeinlagen für Männer bist du im Alltag auf der sicheren Seite.

Ist dir der persönliche Einkauf unangenehm? Bestell das, was du brauchst, einfach im Internet.

Das hat auch den Vorteil, dass du dich in Ruhe über die möglichen Artikel informieren und dann eine Auswahl treffen kannst.

Die Artikel sind anatomisch auf die Bedürfnisse von Männern abgestimmt. Sie nehmen den Urin zuverlässig auf und sorgen dafür, dass nichts riecht oder danebengeht.

Ärztin zeigt Inkontinenzeinlage für Männer
Inkontinenz-Einlagen sind saugfähig und anatomisch geformt; © tibanna79 – stock.adobe.com

Inkontinenz nach Prostata-Operationen

Vielleicht fragst du dich, warum es nach Prostata-Operationen so häufig zu Inkontinenz kommt. Um den Grund dafür zu verstehen, hilft es, wenn du dir die männliche Blase vorstellst:

Männer haben zwei Schließmuskel, einen inneren und einen äußeren. Der innere schließt langsam, aber zuverlässig und ausdauernd. Der äußere schließt kurz und kräftig, ermüdet jedoch schnell.

Bei der Entfernung der Prostata geht der innere Schließmuskel mit verloren. Wenn die Nervenbündel auf beiden Seiten des äußeren Schließmuskels intakt sind, bleiben die operierten Männer nach der OP in der Regel kontinent.

Falls nicht, kommt es zu Problemen mit Blasenschwäche.

Urinverlust nach Schweregraden

Nach einer Prostata-Operation kann es zu

  • leichter Inkontinenz mit einem Harnverlust von bis zu 100 ml in 24 Stunden,
  • mittlerer Inkontinenz mit einem Harnverlust von bis zu 500 ml in 24 Stunden und
  • schwerer Inkontinenz mit einem Harnverlust von mehr als 500 ml in 24 Stunden kommen.

Bei einer totalen Inkontinenz verlieren Männer insgesamt rund 2.000 ml Harn in 24 Stunden.

Fazit

Inkontinenz bei Männern ist nach wie vor ein Tabu-Thema. Dabei handelt es sich um ein weitverbreitetes Volksleiden.

Es Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten für Blasenschwäche. Neben Beckenbodentraining kommen Medikamente und operative Verfahren infrage. Wende dich an den Arzt deines Vertrauens und lass dich beraten!

Du selbst hast es in der Hand, mit dem Tabu zu brechen. Hol dir deine Lebensqualität wieder zurück!

Quellen:

https://www.netdoktor.de/symptome/inkontinenz/
https://www.apotheken-umschau.de/Harninkontinenz/Harninkontinenz-Ursachen-11598_3.html

https://www.youtube.com/watch?v=JgzOtlT32NQ
https://www.youtube.com/watch?v=N_TZrT9mnHE

Michaela Hövermann

 

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